25. Juni - 30. August 1998

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Verführerische Anmut oder lasterhafte Sinnlichkeit einerseits und triebhafte Virilität andererseits bestimmen die Bildwelt des Münchner Jugendstilsymbolisten Franz von Stuck, der als Mitbegründer der Münchner Secession, Akademieprofessor und »Malerfürst« eine beherrschende Stellung in der Kunst der Jahrhundertwende einnahm. Unter dem Einfluß von Böcklin hüllte er seine Figuren häufig in ein Gewand paganer Mythologie und ließ sie als Faune, Nymphen und Kentauren durch die heimische Landschaft schweifen. Mehr noch als jener nutzte Stuck diese Gelegenheit, die erotischen Wunschvorstellungen seiner Zeit in historischer Verkleidung zu vergegenwärtigen. Dabei sind auch ironische Untertöne in seinen Kommentaren zum Geschlechterkampf nicht zu übersehen. Der Aspekt von Spiel und Sinnlichkeit im Werk von Franz Stuck, den ein italienischer Kritiker einmal »il pittore del riso« nannte, steht im Mittelpunkt der Präsentation. Die Ausstellung zeigt 78 Gemälde, Bronzen, Zeichnungen und Photographien des Münchner Malerfürsten, überwiegend aus privaten Sammlungen Es erscheint ein Katalog mit kommentierten Abbildungen aller ausgestellten Werke sowie einem Beitrag über sämtliche Versionen seiner prägnantesten Bilderfindung, der »Sünde«.


 

1902 Öl / Leinwand, 157 x 169 cm
Bez. u. r.: FRANZ STVCK Privatbesitz

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Franz und Mary Stuck im Atelier

 
In der klaren, von rechteckigen Formen strukturierten Fläche inszeniert Stuck sein Selbstbildnis an der Staffelei zusammen mit seiner Frau im Atelier, links im Bild angeschnitten ein Teil des Künstleraltars mit der Skulptur des Athleten. Frau Mary steht in einem festlichen weißen Satinkleid fast im Zentrum des Bildes. Sie galt im zeitgenössischen München als „( … ) eine Königin der Gesellschaft und der Feste. Sie machte großes Haus und strahlte in erlesener Schönheit und Anmut, witzig, musikalisch, überall beliebt und verehrt.“ (Georg Jacob Wolf: Die Münchnerin. Kultur- und Sittenbilder aus dem alten und neuen München, München 1924, S. 197). Stuck erscheint im dunklen Gehrock vor der hellen Leinwand, sein markantes „römisches“ Profil zeigend. Das repräsentative Portrait war in mehreren photographischen Studien vorbereitet worden (Kat. 41), im Bild selbst deutet jedoch nichts auf einen Arbeitsprozess. Die stilisierende Kraft der Malerei steigert das Monumentale der Atmosphäre. Von seinen Schülern ist überliefert, daß der vornehme Auftritt im Atelier sorgsam kultiviert wurde.


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um 1912 Öl/ Holz, 60 x 48,5 cm
Bez. u. r.: FRANZ STVCK

Sammlung Katharina Büttiker, Galerie Wühre 9 - Art Deco, Zürich
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Frühling

 
Der Landschaftshintergrund mit den in der Frühjahrsblüte stehenden, markanten Stengelbäumchen und die Portraitdarstellung im strengen Profil erinnern an das italienische Quattrocento, mit dieser Epoche verbindet Stuck das Ideal der paganen Antike. Sein Blumenmädchen, das zwischen 1902 und 1912 in verschiedenen Varianten auftritt, steht als Kindweib für eine erotische Ausstrahlung vor dem Verlust der Unschuld. Das Bild veranschaulicht darüberhinaus die Bedeutung, die der Jugendstil dem Frühling als Sinnbild für Erneuerung (ver sacrum) beigemessen hat.


 

um 1898 Syntonosfarben/ Leinwand, 59,2 x 75,4 cm; Rahmen 76,1 x 80,1 cm)
Bez. u. r.: FRANZ STVCK

München, Museum Villa Stuck (Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland)
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Die Wippe

 
In wohlüberlegter kompositioneller Ausgewogenheit führt Stuck das lustvolle Treiben zweier im Typus gegensätzlicher Waldnymphen auf einer Wippe vor Augen. Eben erreicht die rotgekleidete Dunkelhaarige den Höhepunkt, während die nackte Blonde, mit vor Erregung gerötetem Gesicht sich gleich wieder abstoßen wird. Die erotische Bedeutung des Vorgangs ist unübersehbar und begründet das ausgelassene Vergnügen, das den Frauen in den Gesichtern geschrieben steht. Das Gemälde war 1909 in Stucks Einzelpräsentation auf der Biennale in Venedig zu sehen und gehörte zu den Motiven, die den italienischen Kritiker Aldo Severi dazu bewegten, Stuck als Maler des Lachens („il pittore del riso“, L’Arte XII/1909, S. 384) zu bezeichnen. Das leuchtende Kolorit, das wesentlich zur Wirkung von Stucks Malerei beiträgt, erzielte der Maler durch die Verwendung von sogenannten Syntonosfarben, die wasserlöslich sind und sich wie Aquarell verarbeiten lassen, in Dichte und Leuchtkraft aber der Wirkung von Ölfarben gleichkommen.


 

1902 Öl / Leinwand auf Holz, 56 x 78 cm
Bez. u. r.: FRANZ STVCK

Sammlung Katharina Büttiker, Galerie Wühre 9 - Art Deco, Zürich
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Die Liebesschaukel

 
Ein bogenschwingender Amor mit großen Flügeln balanciert auf einem Globus eine Wippe, an deren beiden Enden ein nackter Jüngling und eine bekleidete, rothaarige Frau stehen. Durch die Inschrift DIE LIEBESSCHAUKEL erhält das Motiv emblematischen Charakter. Eine Metapher auf die von Amor gesteuerten Wechselfälle des Begehrens von Mann und Frau, das den Lauf der Welt beherrscht. Die Mitte des Bildes wird pointiert durch das Geschlecht Amors, dessen gespreizte Beinstellung an Caravaggios „Amor als Sieger“ (Berlin) erinnert.


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um 1917/18 Öl / Pappe, 51 x 32,5 cm
Bez. u. r.: FRANZ STVCK Privatbesitz

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Phryne

 
Phryne, die wohl bekannteste Hetäre der Antike, war wegen ihrer Schönheit, ihrer Dezenz, ihres Geistes und ihrer mäzenatischen Gesinnung (sie war nicht ganz billig und hatte deshalb einige Reichtümer erworben) gerühmt. Als sie in Athen wegen Gottlosigkeit angeklagt war, entblöste ihr Verteidiger Hypereides ihre Brust und erreichte bei den durch Phrynes Schönheit beeindruckten Richtern den Freispruch. Im Gegensatz zur Salonmalerei des 19. Jahrhunderts (Léon Gérome, „Phryne vor ihren Richtern“) bereinigte Stuck die Geschichte um alle erzählerischen Details und deutete das Entkleidetwerden als ein Sich-Entkleiden. Mit ihrer Rechten breitet sich das Tuch aus, dessen kräftiges Rot den Körper hinterfängt. In ihrem Bedeutungsgehalt verschmilzt Stuck die Gestalt der Phryne mit Monna Vanna, der Susanna oder einer dem Bade entsteigenden Frau. Letzteres verbindet diese Gestalt mit der Knidischen Venus, zu der, der antiken Literatur zufolge, Phryne ihrem Geliebten Praxiteles Modell gestanden haben soll. Insofern vereint Phryne den Aspekt der Hetäre mit dem der Muse des Künstlers.

Katalog (88 Seiten, 100 Abbildungen) 29,- DM


 

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